{"id":2256,"date":"2012-06-07T15:15:57","date_gmt":"2012-06-07T14:15:57","guid":{"rendered":"https:\/\/antonio-justo.eu\/?p=2256"},"modified":"2012-06-07T15:15:57","modified_gmt":"2012-06-07T14:15:57","slug":"junge-menschen-werden-zur-emigration-gezwungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/antonio-justo.eu\/?p=2256","title":{"rendered":"Junge Menschen werden zur Emigration gezwungen"},"content":{"rendered":"<p align=\"center\"><strong>Muttersprachlicher Portugiesisch-Unterricht in wirtschaftlich schwierigen Zeiten<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ant\u00f3nio Justo<\/strong><\/p>\n<p>&#8220;Im Namen der Wirtschaftskrise wird das Bildungssystem destabilisiert\u201c, klagen Elternvertreter, Sch\u00fcler und Lehrer \u00fcberall in Europa und sind gegen die Reduzierung der Schulstunden, die Vergr\u00f6\u00dferung von heterogenen Klassen sowie gegen die Einf\u00fchrung\u00a0 eines Beitrags f\u00fcr die Anmeldung in den Klassen von muttersprachlichem Portugiesisch-Unterricht in Ausland (EPE).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dem Beispiel Italiens folgend, erhebt Portugal ab diesem Jahr 120 Euro Schulgeb\u00fchr im Ausland f\u00fcr die Anmeldung online zum Portugiesisch-Unterricht. Die Anmeldung berechtigt zum Erhalt von B\u00fcchern. Die Anmeldung berechtigt zum Erhalt von B\u00fcchern. Der Unterricht in der Verantwortung des Landes Hessen ist weiter kostenfrei. So wie sich das Land Hessen<\/p>\n<p>schon lange dieses herkunftssprachlichen Unterrichts entledigen und ihn in die Zust\u00e4ndigkeit der Konsulate transferieren will, will ihn die portugiesische Regierung \u201ein die Obhut<\/p>\n<p>der Gastgeberl\u00e4nder\u201c geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die eingef\u00fchrte Ma\u00dfnahme baut eine H\u00fcrde und wird als ungerecht empfunden, weil diese Schulabgabe nur f\u00fcr Sch\u00fcler der Parallelklassen (= Klassen f\u00fcr muttersprachlichen Unterricht unter Verantwortung ausl\u00e4ndischer Staaten) ist, w\u00e4hrend diejenigen, die ihren Portugiesisch-Unterricht in der regul\u00e4ren Schulplanung des Schulsystems integriert bekommen, nichts bezahlen. Andererseits entschuldigt man sich damit, dass mit der Zeit der Sprachunterricht von Migrantenkindern in die Regelstrukturen der Gastgeberl\u00e4nder integriert werden sollten (unter deutschen Obhut).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr das Schuljahr 2011\/2012 wurden im Juni mehr als 40 Lehrer aus dem Portugiesisch-Unterricht in Ausland (EPE) entfernt. Im Dezember 2012 wurden wieder aufgrund des \u201eDefizits\u201c 49 Lehrer entfernt, 20 in der Schweiz, 20 in Frankreich und 9 in Spanien. Bis jetzt wurden die unterrichtenden Lehrer in Deutschland nicht von der Ma\u00dfnahme betroffen, weil gro\u00dfe Teile der unterrichtenden Lehrer noch dem deutschen Schulsystem angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der portugiesische Staatssekret\u00e4r sch\u00e4tzt, dass die Zahl der Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen des integrierten und parallelen Systems (in Europa)\u00a0 von jetzt 56.000 Sch\u00fcler\/innen auf 50.000 im n\u00e4chsten Schuljahr zur\u00fcckgehen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lehrer und Elternverb\u00e4nde sehen den Unterricht f\u00fcr die Sch\u00fcler bedroht, die Arbeitspl\u00e4tze der Lehrer in Gefahr und die Bedeutung der portugiesische Sprache und Kultur im Ausland von den Beh\u00f6rden ignoriert. Sie vermuten in diesen Ma\u00dfnahmen die Vorbereitung f\u00fcr\u00a0 das Ende des Portugiesisch-Unterrichts in Ausland, da sich mit der Zeit nur Kurse in St\u00e4dten mit gro\u00dfen Konzentrationen von Portugiesen behaupten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meinem Eindruck nach gibt es bei den ma\u00dfgebenden Parteien und Gewerkschaften in Portugal eine Art stillschweigendes Interesse, dass der Portugiesisch-Unterricht in die Verantwortung von portugiesischen Vereinen f\u00e4llt wie es \u00fcblich ist au\u00dferhalb Europas. Dabei w\u00fcrde der Staat sich auf der Rolle des Unterst\u00fctzers zur\u00fcckziehen. Obwohl\u00a0 mehr als f\u00fcnf Millionen Portugiesen im Ausland leben, und sie einen gro\u00dfen Beitrag zum Ausgleich der portugiesischen Finanzen leisten, herrscht im Mutterland eine starke Neidhaltung gegen\u00fcber den Portugiesen der Diaspora.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Portugal ist heute wie in XV. und XVI. Jahrhundert ein spezieller Ausdruck des Zustands von Europa. Damals verwirklichte Portugal als erstes europ\u00e4isches Land den Geist und die St\u00e4rke Europas mit den Entdeckungen, heute bringt Portugal in der Krise die Dekadenz Europas zum Ausdruck im Gegensatz zu aufsteigenden L\u00e4ndern wie China, Indien und Brasilien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Asymmetrie, die man zwischen Deutschland und Portugal feststellt, liegt auch daran, dass, w\u00e4hrend die Entscheidung Portugals f\u00fcr die EU eine politische Entscheidung war, f\u00fcr die Kernl\u00e4nder der EU die Entscheidung eine \u00f6konomische \u00a0war\u2026 Der Turbokapitalismus dehnt sich wie die Arme eines Tintenfisches aus und saugt zuerst die Schwachen auf; Portugal als \u00f6konomisch schwaches Mitglied der EU zeigt vorab die Gefahren, die die aggressive \u00d6konomisierung der Gesellschaft mit sich tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit der Schaffung eines \u00f6konomischen \u201eEuro-Landes\u201c, abstrahiert sich der Arbeitsmarkt und ger\u00e4t in den Fluss des Kapitals, und somit geraten Menschen, Institutionen, Nationen und Demokratien unter den Sog der Zocker des Kapitalmarktes. Die Menschen bewegen sich orientierungslos in der Suche nach besseren Lebensbedingungen. Im Juli 2011 waren 27,2% der Portugiesinnen und Portugiesen unter 25 Jahren ohne Arbeit (EU-Durschnitt 20,7%); (allgemeine Arbeitslosenquote im Portugal: 12,3%). Inzwischen hat sich die Arbeitslosigkeit der Jugend noch mehr verst\u00e4rkt, so dass immer mehr Portugiesen auswandern. Portugal hat sehr viele gute Hochschulabsolventen, die keinen Platz im Binnenarbeitsmarkt finden. Nachdem die Regierung die arbeitslosen Akademiker und Jungenarbeitslosen zur Auswanderung ermutigte, beobachtet man ein verst\u00e4rktes Ausbluten der j\u00fcngeren Generationen auf dem Lande. Zu bemerken ist, dass die Geburtenrate, schon lange geringer ist als die der Deutschen. (Die Portugiesen sind \u00fcberall willkommen, weil sie arbeitswillig, angepasst und schon in der zweiten Generation total integriert sind). In Frankreich 11% der Ausl\u00e4nder sind Portugiesen, in Deutschland erreichen sie nicht einmal 2%.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Einigung hatte als Ziel die reine \u00d6konomisierung der Gesellschaft im Sinne der Wirtschaft der Kernstaaten. So verfolgte Helmut Kohl eine Politik der Beg\u00fcnstigung der Wirtschaftsverb\u00e4nde, damit Deutschland f\u00fcr die europ\u00e4ische Konkurrenz der Partner in der EU vorbereitet ist. Andererseits verringerte Schr\u00f6der mit der Agenda 2010 die Einnahmen der deutschen Arbeitnehmerschaft, damit Deutschland vorbereitet ist f\u00fcr den globalisierten Markt und somit die Konkurrenz von Billigl\u00e4ndern besser vertr\u00e4gt. Der Sockel der Lohnabh\u00e4ngigen in der EU sollte ausgeglichen werden. Die EU exportierte die Krise in die Randgebiete und f\u00f6rdert somit die eigene Exportindustrie auf Kosten der starken Verschuldung dieser L\u00e4nder, die unvorbereitet und unvern\u00fcnftig sich in Konsum und im Bau von Prestigeobjekten und Autobahnen verausgabten, anstatt die eigenen Kleinunternehmer zu f\u00fcr die Konkurrenz zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Autobahnen dienten mehr der Beweglichkeit von Produkten in Europa (Gro\u00dffirmen) als den Menschen vor Ort. Das Land lebte von kleinen Unternehmen, die die Konkurrenz der Gro\u00dfen nicht Stand hielten. Inzwischen kamen die Chinesen nach Portugal mit Sonderrechten (5 Jahre steuerfrei Gewerbe) und mit ihren billigen Produkten. Die Fischerd\u00f6rfer, die mit ihren Familienbetrieben vom Fischfang lebten, wanderten noch zahlreicher aus, als die riesigen Industrieschiffe von ausl\u00e4ndischen Fischereien in ihre Gew\u00e4sser kamen. Die erhoffte Steigerung des Tourismus, die Politiker am gr\u00fcnen Tisch vorgesehen haben, blieb aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine verf\u00fchrbare Staatsverwaltung mit einer eitlen und parasit\u00e4ren politischen Elite trotz des sehr arbeitsamen Volkes schaffte es bis jetzt nicht, ihrem Volk und ihrer Kultur gerecht zu werden. Es ist tragisch zu beobachten, wie qualifizierte menschliche Ressourcen dem Schicksal der Emigration ausgeliefert werden und ein gro\u00dfes Vakuum in der portugiesischen Gesellschaft hinterlassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Staat folgt blind der Troika und spart \u00fcberall, aber besonders bei sozialen und kulturellen Ausgaben. Die portugiesischen politischen Eliten haben sich fr\u00fcher an die Engl\u00e4nder und Franzosen angeschmiegt, und heute nehmen sie diese Haltung gegen\u00fcber der EU ein ohne R\u00fccksicht auf das Volk. Das Volk hat den Eindruck, von S\u00f6ldner geleitet zu sein, begleitet von einer Schar der Gl\u00fccklichen, die sich um den Staat scharen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Arbeits- und Lebensformen verb\u00fcndet mit Existenzangst macht auch die Arbeit der Gewerkschaften kompliziert. (Hier muss gesagt werden, dass die Haltung der Gewerkschaften im S\u00fcden Europas eher ideologischen als verantwortungsvollen Strategien gegen\u00fcber dem eigenen Volk folgen; hier m\u00fcssten sie von den deutschen Gewerkschaften lernen. Die S\u00f6ldnermentalit\u00e4t auf der einen Seite und die ideologische auf der anderen sind Laster, die das Bewusstsein und das nachhaltige Wohl des Volks nicht erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jeder wird sich selber \u00fcberlassen, nur die gro\u00dfen Arbeitgeber und Banken profitieren. Die Ma\u00dfnahmen treffen besonders die Lohnabh\u00e4ngigen und kleine Firmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der wirtschaftliche Kolonialismus der angels\u00e4chsischen Finanzwelt bringt heute die Nationen in einer Schuldknechtschaft, die alle unverantwortlich macht. Die F\u00fcgsamkeit und der gro\u00dfe Flei\u00df der einfachen Leute Portugals werden dazu beitragen, dass die Situation nicht so schnell dem Kollaps erliegt. Die Verg\u00fcnstigungen \u00f6ffentlicher Stiftungen, kommunaler Unternehmen, der Verkehr zwischen politischen \u00c4mtern und Business Managern wird aber bleiben in Sinn und Stil der neuen Kolonialherren der \u201cCity of London Corporation\u201d. In Portugal wie in Europa arbeiten immer mehr Menschen, um einen Reichen zu ern\u00e4hren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ant\u00f3nio da Cunha Duarte Justo<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu Person:<\/p>\n<p>P\u00e4dagoge und Theologe, verheiratet mit der deutschen K\u00fcnstlerin Carola Justo, Vater von 4 Kindern. Nach dem Philosophiestudium und dem Referendariat in Portugal, studierte er 4 Jahre Theologie und Sozialp\u00e4dagogik in Bayern. Von 1980 bis 2012 (Lehrer f\u00fcr Portugiesisch und Ethik) im hessischen Schuldienst; 12 Jahre lang \u00d6ffentlichkeitsreferent des Ausl\u00e4nderbeirats Kassel.<\/p>\n<p>Mitbegr\u00fcnder der deutschen Abteilung der Gewerkschaft Lehrer im Ausland (SPE) &#8211; Gewerkschaft SPE\/FENPROF.<\/p>\n<p>Publizist und Beiratsmitglied des Portugiesischen Konsulats.<\/p>\n<p>Vorstandsmitglied des Kunst und Kulturvereins Baunatal e.V. und Pr\u00e4sident des Vereins \u201eARCADIA- Arte e Cultura em Di\u00e1logo e.V.\u201c,\u00a0 Verein f\u00fcr interkulturellen Austausch in Portugal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erschienen in der Zeitschrift der GEW Hessen, Heft 6, Juni 2012 unter den Titel:\u201cPortugal: Eitle Eliten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Muttersprachlicher Portugiesisch-Unterricht in wirtschaftlich schwierigen Zeiten &nbsp; Ant\u00f3nio Justo &#8220;Im Namen der Wirtschaftskrise wird das Bildungssystem destabilisiert\u201c, klagen Elternvertreter, Sch\u00fcler und Lehrer \u00fcberall in Europa und sind gegen die Reduzierung der Schulstunden, die Vergr\u00f6\u00dferung von heterogenen Klassen sowie gegen die Einf\u00fchrung\u00a0 eines Beitrags f\u00fcr die Anmeldung in den Klassen von muttersprachlichem Portugiesisch-Unterricht in Ausland (EPE). &hellip; <a href=\"https:\/\/antonio-justo.eu\/?p=2256\" class=\"more-link\">Continuar a ler <span class=\"screen-reader-text\">Junge Menschen werden zur Emigration gezwungen<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"sfsi_plus_gutenberg_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_show_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_type":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_alignemt":"","sfsi_plus_gutenburg_max_per_row":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2256","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sem-categoria"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/antonio-justo.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2256","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/antonio-justo.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/antonio-justo.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/antonio-justo.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/antonio-justo.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2256"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/antonio-justo.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2256\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2257,"href":"https:\/\/antonio-justo.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2256\/revisions\/2257"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/antonio-justo.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2256"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/antonio-justo.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2256"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/antonio-justo.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2256"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}